Lotti das kleine Wunder
Lottis Geschichte
Seit Juni 2020 bin ich Mama von meinem Frühchenwunder Lotti. Eigentlich sollte der errechnete Entbindungstermin im August sein, doch nach nur 29 Wochen und 5 Tagen musste die Schwangerschaft beendet werden. Mit gerade einmal 970g und 36 cm Körpergrösse kämpfe sich Lotti ins Leben.
„Ich habe eine Auffälligkeit an der Nabelschnur gefunden, die ich genau untersuchen muss“.
Obwohl ich durch meine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin wissen müsste was dies bedeuten könnte, breitete sich eine Leere in meinem Kopf aus. „Ich muss Ihnen leider sagen das sie das Krankenhaus bis zur Geburt nicht mehr verlassen dürften.“ In meinem Kopf fing ich sofort an zu rechnen. Noch 3,5 Monate soll ich hier bleiben? Ich erstarrte und das Atmen fiel mir schwer. Fetale Wachstumsrestriktion durch einen Reverse Flow (Flussumkehr) lautete die Diagnose die mittels einer ausführlichen Doppleruntersuchung gestellt werden konnte. Um es vereinfacht auszudrücken:
Lotti wird irgendwann in meinem Bauch verhungern und ihr Herz einfach stehen bleiben. Nachdem mir die Lungenreife verabreicht wurde fing ich so langsam an alles zu realisieren.

Doch lasst mich von Vorne beginnen. Wegen eines fieberhaften Infektes der bereits seit ein paar Tagen andauerte, entschloss ich mich am 01. Mai in die Notaufnahme des Mutterhauses zu besuchen. Zu dieser Zeit befanden wir uns im ersten Lockdown der Corona Pandemie, was alles sehr verkomplizierte. Mit Symptomen wie Fieber war ich natürlich eine potentielle Gefahr obwohl dieses aufgrund einer schwangerschaftsbedingten Nierenstauung auftrat. Endlich in der Gynäkologie angekommen wurde ich komplett auf den Kopf gestellt und erhielt einen Ultraschall vom Bauch. Die eben noch so gut gelaunte Oberärztin wurde plötzlich ganz still und ernst.
In den nächsten Wochen folgten täglich drei CTGs, teilweise sogar nachts, und zweimal täglich ein Doppler um die Herzleistung meines Babys zu überwachen. Jeder Tag zählt und ist wichtig für die Überlebenschancen nach einer Frühgeburt. Deshalb versuchten wir so viel Zeit wie möglich zu gewinnen. Das ich es von der 24. SSW bis zur 29. schaffen würde, hätte zu Beginn niemand geglaubt. Doch am 03.06. verschlechterte sich mein und Lottis Zustand. Ich entwickelte eine Präeklampsie und somit wurde die Sectio für den darauffolgenden Tag vereinbart. Um die Kleine gut auf den schweren Start vorzubereiten erhielt ich eine dritte Lungenreife und Neuroprotektion.
04.06.2020
Der Tag an dem sich unser Leben für immer veränderte.
Der Geburtstag unserer Tochter Charlotte. Eigentlich bin ich kein ängstlicher Mensch, doch meine Panik vor der Geburt war so groß, dass mein Blutdruck in die Höhe schnellte. Ich hatte das große Glück, dass mein Mann zu dieser Zeit als OP-Pfleger im Krankenhaus arbeitete und ich somit nicht alleine war. Drei Oberärzte, eine Assistenzärztin, die Hebamme und das Anästhesieteam und auf der anderen Seite das Team der Neo-Intensivstation waren in diesem Moment nicht Beistand genug. Nachdem nach mehrmaligen Versuchen die Peridualanästhesie nicht zum gewünschten Erfolgt führte, wurde eine Vollnarkose eingeleitet. Wenn ich wieder wach werde bin ich Mutter. Doch als ich erwachte, konnte ich mich nicht mehr bewegen. Die Peridualanästhesie wirkte nun und betäubte mich vom Hals abwärts. Das Atmen und Sprechen fiel mir schwer. Einige Stunden musste ich nun mit Maskenbeatmung im Aufwachraum verbringen. Und plötzlich kam sie im Inkubator angefahren, meine Lotti. Nachdem sie vom Neo-Intensivteam untersucht und versorgt wurde durfte ich einen kurzen Blick auf sie erhaschen und ganz vorsichtig meine Hand durch die Öffnung strecken um sie zu berühren. Viel konnte ich nicht sehen, doch endlich war ich beruhigt und voller Zuversicht das alles gut werden wird. Einige Stunden vergingen und die Schmerzen der OP-Narbe waren unerträglich. In mir machte sich eine große Leere breit. Ich spürte keine Tritte mehr im Bauch und mein geliebtes Kind war weg. Es fühlte sich an als hätte man mir den Bauch aufgeschnitten und mein Baby geraubt.Trotz aller Schmerzen und meiner Unfähigkeit mich zu bewegen brachte Stefan mich am Abend zum ersten Mal auf die Neo-Intensivstation. Ich stand völlig neben mir und kann mich nicht mehr an die Details erinnern dieser ersten intensiven Begegnung. Das Bonding, welches bei einer normalen Geburt direkt mit dem ersten Körperkontakt, dem stillen und schmusen beginnt, blieb bei mir erst einmal aus.Ich hatte innerlich große Probleme mich als Mutter zu fühlen und Lotti als mein Kind wahrzunehmen. Dieses Gefühl verbesserte sich mit jedem Tag und jeder Stunde die sie zum känguruhen auf meine Brust gelegt wurde. Das Gefühl ein so zartes und hilfloses Wesen auf sich zu spüren kann wahrscheinlich nur nachempfinden, wer selbst einmal ein solches Erlebnis hatte.

Die ersten Tage nach der Frühgeburt entscheiden maßgeblich über den weiteren Verlauf und sind sehr kritisch. Nach einer anfänglichen weiteren Gewichtsabnahme und Sepsis ging es nun bergauf. Stunden über Stunden verweilten wir auf der Intensivstation und konnten dabei zusehen wie jedes Gramm das Aussehen von Lotti veränderte. Die Betreuung der Schwestern war so liebevoll und professionell, dass wir die Nächste mit gutem Gewissen und ohne Ängste zuhause verbringen konnten. Unsere Meilensteine waren anders. Die ersten 1000 Gramm oder das erste Mal ohne CPAP waren unsere Ziele, die uns unendlich glücklich machten. In der gesamten Zeit wurden wir in alles eingebunden und durften Tag für Tag mehr pflegerische Tätigkeiten übernehmen wie das wickeln mit der winzigen Frühchenwindel, lagern und betten, Temperatur messen oder nach einigen Wochen das selbständige „füttern“ über die Magensonde.
Nach einem Monat durfte Lotti die Neo-Intensiv verlassen und auf die Frühchenstation umziehen. Jeden Morgen um 06:30 Uhr startete hier mein Tag mit der selbständigen Körperpflege meiner kleinen Maus, Verabreichung der Medikamente und den ersten Trinkversuchen mit dem Fläschchen. Noch weitere vier Wochen verbrachten wir hier bis endlich der Tag gekommen war an dem wir gemeinsam in unsere Zukunft als Familie starten konnten und Lotti endlich mit nach Hause nehmen durften.
Inzwischen ist unser kleines Löwenmädchen zu einem kleinen Wirbelwind herangewachsen, der unser Leben mächtig auf den Kopf stellt.
Diese Zeit hat mich sehr verändert und meinen Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens geschärft. Das eigene Kind heranwachsen zu sehen und täglich zu beobachten wie neue Fähigkeiten erlernt werden zeigt mir wie schnell das Leben vorangeht und wie wichtig es ist jede Sekunde davon auszukosten.Man bereut nur die Bilder, die man nicht gemacht hat. Das ich damals das Wunder der Schwangerschaft nicht festhalten konnte macht mich bis heute sehr traurig. Wenn ich allerdings heute meine Bilder aus der Frühchenzeit anschaue, die vielen Babybilder meiner Tochter mit all den kleinen Momenten verspüre ich eine große Dankbarkeit. Sie sind wie ein Rückfahrtticket in eine sehr emotionale Zeit.
Durch meine Bilder möchte ich für euch diese Momente konservieren, so authentisch und gefühlvoll wie möglich und euer persönliches Rückfahrtticket zu den wichtigsten Momenten eures Lebens erstellen.
